Vor einigen Tagen, auf meinem Heimweg lief ich gegen 16.00 Uhr die Rannische Straße entlang. In einiger Entfernung erblickte ich ein ältere Dame, der man ansah, dass sie erhebliche Anstrengungen unternimmt, um ein gepflegtes Äußeres und damit ihre Würde zu bewahren. Diese Dame nun stand an einem städtischen Mülleimer und blickte verschämt um sich. Dann griff sie hinein, angelte ein Pfandflasche heraus und sah bevor sie diese in ihre Einkaufstasche steckte noch einmal um sich. Eiligen Schrittes entfernte sie sich dann.

Normalerweise erblickt man diese Schattenseiten einer angeblichen Wohlstandsgesellschaft erst nach Einbruch der Dunkelheit. Zu groß ist die Scham der Betroffenen. Offensichtlich ist aber die Not so groß und die Gefahr, dass man leer ausgeht so bedrohlich, dass die Jagd nach dem Extragroschen nun über die Scham siegt und man sich bereits am hellichten Tag auf die Suche macht. Tut man dies nicht droht Not, da die karge Rente nicht ausreicht. Oft verbringen die Betroffenen die letzten Tage des Monats, bevor es wieder Rente gibt, mit leerem Magen, im Winter oft in eine Decke gehüllt, Heizen ist Luxus. Wenn es zu entscheiden gilt, heizen oder essen, ist Kälte oft leichter zu ertragen als Hunger. Da wird dann nach jedem Strohhalm gegriffen, 8, 15 oder gar 25 Cent für eine Pfandflasche bzw. Dose machen dann einen erheblichen Unterschied. Die Omi schien- ihrem schamhaften Verhalten nach – jedenfalls noch neu, noch nicht abgestumpft, in diesem „Gewerbe“ zu sein.

Immer öfter sehe ich jetzt diese Bilder in Halle aber immer seltener diese peinlich berührte Scham. Diese die Würde des Betroffenen verletzende Ausweglosigkeit. Es scheint „normal“ zu werden. Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, wie sehr dieses Problem ein wachsendes ist, eines, dass es in einem Land wie Deutschland gar nicht geben dürfte.  Ein Staat wie der unsere, der sich selbst für die Rettung der Welt als zuständig erklärt, sollte sich schämen, dass er seine Rentner so im Regen stehen lässt.

Schon im Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wie sich das mit den Zuständen der Altersarmut, die man auf unseren Straßen immer öfter erblickt vereinbaren lässt, bleibt das Geheimnis unserer Regierenden.  An so vielen Stellen wird Geld mit vollen Händen verteilt. Für Millionen Menschen, die ohne Fluchtgrund aus aller Herren Länder in unser Sozialsystem einwandern, die nie auch nur einen Handschlag für Deutschland getan haben, werden Abermilliarden Euro zur Verfügung gestellt. Aber für jene, die sich jahrzehntelang für dieses Land einsetzten, ist nicht einmal so viel Geld da, um Ihnen einen Lebensabend in Würde zu ermöglichen? Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit und meine Ohnmacht machen mich nicht nur traurig sondern mehr und mehr zornig.

Wachsendes Gesellschaftsproblem Altersarmut